Der Islam in Deutschland

Muslime zwischen Integration und Parallelgesellschaft

16.05.2008 Brigitte Jaeger-Dabek

Sind Deutschlands Muslime integrierbar? Die in Deutschland lebenden Muslime stammen aus rund 50 Nationen und den verschiedensten religös-politischen Grundorientierungen.

Seit Jahrzehnten gehören muslimische Einwanderer zum Straßenbild unseres Landes, nur wollte man sie als solche lange nicht sehen und nannte sie Gastarbeiter. Nach dem 11.September und der Verstrickung einiger in Deutschland lebender Muslime wurde „der Islam“ in Deutschland zum Pauschalverdächtigen. Jeder bärtige Muslim, jede Kopftuchtragende Muslima stand unter Generalverdacht. Schnell wurden christlich-abendländische Wagenburgen gegen den fremd gebliebenen, in seiner fundamentalistischen Ausprägung so bedrohlich wirkenden Islam gebaut.

Gesellschaftliche Realität Islam in Deutschland

Doch der Islam in Deutschland ist nun einmal gesellschaftliche Realität. Von den weltweit 1,2 Milliarden Muslimen leben etwa 3,5 Millionen in Deutschland. Damit ist der Islam die zweitgrößte Religion in Deutschland. Doch nicht nur in Deutschland gibt es eine nennenswerte Zahl von Muslimen. Die weltweit am schnellsten wachsende Weltreligion hat im Europa der EU längst Fuß gefasst. Etwa 15 Millionen Muslime leben innerhalb der EU, die meisten in Frankreich mit fünf Millionen, Deutschland mit 3,5 Millionen und Groß Britannien mit 1,5 Millionen. Im Osten und Südosten Europas kommen außerhalb der EU noch einmal 20 Millionen Muslime dazu. Im Durchschnitt beträgt der Bevölkerungsanteil der Muslime in der EU 3-4 Prozent mit steigender Tendenz durch fortgesetzte Zuwanderung. Höher ist der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in den Niederlanden, wo 950 000 Muslime leben, dass sind knapp sechs Prozent der Bevölkerung.

Ethnisch gesehen stammen die in Deutschland lebenden Muslime aus etwa 50 verschiedenen Nationen, doch ist der Islam in Deutschland sehr stark türkisch geprägt, denn rund zwei Millionen Muslime sind Türken, fast eine Million davon ist hier geboren, etwa 700 000 sind auch deutsche Staatsbürger. Zweitstärkste ethnische Gruppe sind die 200 000 Muslime aus Bosnien-Herzegowina.

Die religiösen Richtungen

Was die religiösen Grundrichtungen betrifft, leben sowohl Sunniten als auch Schiiten und Aleviten sowie Anhänger der Ahmadiyya unter uns und zwar in der vollen denkbaren Bandbreite von Religiosität. Da gibt es religiöse Muslime, Konservative, Orthodoxe, reine Kulturmuslime und Islamisten, ohne dass es darüber verlässliche Zahlen gäbe.

Die Mehrheit der Muslime in Deutschland bekennt sich als sunnitisch, knapp eine halbe Million Türken und Kurden bezeichnen sich als Aleviten, an die 200 000 dürften Schiiten und Imamiten sein und um die 50 000 gehören der Ahmadiyya an, wobei man streiten kann, ob man die Ahmadiyya als muslimische Gruppierung sieht, oder als Sekte.

Genaue Zahlen und verlässliche Aussagen über Größenordnungen des Islams in Deutschland sind kaum möglich, da sowohl Politik als auch Forschung – insbesondere die deutsche Islamwissenschaft – sich zu wenig mit diesem Feld befasst haben. Eine weitere Schwierigkeit für verlässlichere Aussagen, aber auch für einen partnerschaftlichen Dialog mit dem Islam liegt in dessen Organisationsstruktur.

Die Organisationsstruktur des Islams in Deutschland

Zwar gibt es mittlerweile sechs Spitzenverbände, doch sind in ihnen nicht einmal eine halbe Million Muslime organisiert. Nur etwa zwölf Prozent der in Deutschland lebenden Muslime ist organisiert, die weitaus überwiegende Mehrheit ist bei keiner religiösen Gemeinschaft Mitglied. Das liegt an der ganz anderen islamischen Tradition. Man wird Muslim durch Geburt oder durch Ablegung des Glaubensbekenntnisses. So wie der Glaube an Gott im Islam keinen priesterähnlichen Mittler braucht, braucht der Gläubige keine kirchenähnliche Institution. Deshalb sehen Muslime die Forderung nach einem einheitlichen Ansprechpartner als eine nicht gewollte „Verkirchlichung“ des Islam an.

Islamische Organisationen sind in der Regel eingetragene religiöse Vereine und keine Körperschaften des öffentlichen Rechts. Eine Gleichstellung dieser religiösen Vereine mit einer Kirche gibt das deutsche Staatskirchenrecht nicht her.

Religiös oder islamistisch?

Nur etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden Muslime kann man als tief religiös bezeichnen. Sie beachten die religiösen Vorschriften streng und wenden Speise- sowie Bekleidungsvorschriften an. Dies sind die Muslime, die im Straßenbild leicht als solche wahrgenommen werden können. Ein weiteres Drittel bezeichnet sich als Kulturmuslime, die durch Geburt Muslime sind und in ihren Familien durch den Islam geprägt wurden, selbst ihre Religion wenn überhaupt, dann selten praktizieren analog etwa den „Weihnachtschristen“. Das dritte Drittel befindet sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

Der deutsche Verfassungsschutz hat 28 Gruppen und Moscheevereine herausgefiltert, die als extrem einzustufen sind und deren Mitglieder als Islamisten zu bezeichnen sind. Von diesen etwa 32 000 Islamisten gelten maximal 300-3000 als gewaltbereit. Als islamistisch bezeichnet man dabei allgemein Organisationen, die verfassungsfeindliche Bestrebungen hegen und gegen Frieden und Verständigung arbeiten. Präzise gesehen versteht man darunter politische Bestrebungen, die sich auf den Gottesstaat Hakimiyat Allah des 7. Jahrhunderts und eine umfassende islamische Alltagsordnung nach dem Prinzip des islamischen Rechts der Scharia als erstrebenswertes Staatsmodell berufen. Zu diesen antidemokratisch orientierten Vereinen rechnet der Verfassungsschutz die Hizbollah, Hamas, Islamischer Djihad, Al-Aksa-Verein und die Kaplan-Bewegung ICCB. Unter Beobachtung stehen auch Gruppierungen wie Milli Görüs.

Das Grundgesetz gilt auch für Muslime

Die in Deutschland lebenden Muslime geben also kein einheitliches Bild ab, sondern stehen für die unterschiedlichsten Anschauungen – wie Christen auch. Das Grundgesetz garantiert im Artikel 4.1 „die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“ und „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet“. Das gilt auch für die Muslime in Deutschland.

Es gibt Trennendes, es gibt Verbindendes, das gilt es aufzuarbeiten. Fehlende Akzeptanz gesellschaftlicher Realitäten wird nicht weiter helfen, das tut nur der beiderseitige Wille zum Dialog und zur Integration. Nur so kann man das Entstehen neuer Parallelgesellschaften verhindern.

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